Interview Wil24.ch: «Wil soll eine Stadt sein, in der man nicht nur wohnt, sondern lebt»

Am 14. Juni 2026 finden in Wil die Ersatzwahlen für das Stadtpräsidium und ein Mitglied des Stadtrates für den Rest der Amtsdauer 2025–2028 statt. Wir sprachen mit Michael «Mike» Sarbach, der von den GRÜNEN prowil nominiert worden ist.

Herr Sarbach, Sie sind Lehrer, Kantonsrat, Stadtparlamentarier und im Wiler Kulturleben stark engagiert. Was motiviert Sie, jetzt zusätzlich Verantwortung im Stadtrat zu übernehmen?
Michael Sarbach: «Wil soll eine Stadt sein, in der man nicht nur wohnt, sondern lebt. Genau dafür engagiere ich mich seit Jahrzehnten konkret: in der Politik, in der Kultur, in der Bildung, im Vereinsleben sowie in der Gastronomie und im Gewerbe. Ich habe viel angestossen und umgesetzt. Jetzt ist für mich der richtige Moment, Verantwortung in der Exekutive zu übernehmen. Es ist der logische nächste Schritt. Ich möchte nicht nur mitgestalten, ich möchte aktiv vorangehen und umsetzen.»

Was reizt Sie konkret am Amt des Stadtpräsidenten – gerade in der aktuellen Situation der Stadt?
«Die Stadt steht an einem Punkt, an dem es Führung, offene Kommunikation und Verbindlichkeit braucht. Mich reizt die Aufgabe, Wil zu repräsentieren und als lebendige Stadt weiterzuentwickeln, gemeinsam mit den Menschen, die sich hier engagieren. Es geht darum, gute Ideen zusammenzubringen, Kräfte zu bündeln, zu motivieren und Resultate zu erreichen. Genau das möchte ich jetzt auf Stadtebene konsequent weiterführen.»

Welche Erfahrungen aus Ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Engagement bringen Sie mit, die im Stadtrat heute besonders gefragt sind? 
«Ich bringe langjährige politische Erfahrung aus Stadt und Kanton, ein breites Netzwerk, aber auch konkrete Führungs- und Umsetzungserfahrung mit. Ich bringe Projekte voran und motiviere unterschiedliche Akteure zur Zusammenarbeit. Mir ist wichtig: nicht ideologisch, sondern lösungsorientiert und pragmatisch. Am Ende zählt, was für Wil funktioniert.»

Wo sehen Sie aktuell das grösste ungenutzte Potenzial in der Stadt Wil?
«Im effizienten Zusammenspiel. Wil hat ein starkes Gewerbe, engagierte Vereine und eine lebendige Zivilgesellschaft. Wenn es gelingt, diese Kräfte besser zu vernetzen, entsteht deutlich mehr Wirkung. Oft ohne zusätzliche Mittel, aber mit besserer Zusammenarbeit.»

Sie sind seit über 20 Jahren im Stadtparlament – kennen also die Abläufe, Dossiers und Dynamiken der Stadt sehr genau. Was können Sie im Stadtrat leisten, was Sie im Parlament nie konnten?
«Im Parlament setzt man über Vorstösse und Debatten Akzente, im Stadtrat trägt man direkte Verantwortung für Entscheidungen und deren Umsetzung. Genau das reizt mich: Brücken schlagen, Projekte anstossen, Prioritäten setzen sowie Stadtrat, Parlament, Verwaltung und Bevölkerung begeistern und überzeugen. Vom Mitdenken ins Machen kommen – und Resultate liefern, die unsere Stadt weiterbringen.»

Parlament und Exekutive sind zwei grundverschiedene Kulturen: hier debattieren und kontrollieren, dort entscheiden und umsetzen. Worauf stellen Sie sich ein?
«Ich habe sicherlich Respekt vor dieser Rolle. In der Exekutive geht es weniger um Positionierung, sondern um Verantwortung und Kollegialität. Entscheide müssen gemeinsam getragen und umgesetzt werden. Diese Haltung bringe ich mit: klar in der Sache, offen in der Kommunikation und in den Entscheiden konsequent.»

Sie sprechen oft von Vernetzung: Wo kann die Stadt mit bestehenden Mitteln mehr Wirkung erzielen?
«Zum Beispiel in der Innenstadtentwicklung. Oft arbeiten gute Initiativen nebeneinander statt miteinander. Wenn die Stadt hier besser koordiniert und unterstützt, kann mit wenig Mitteln sehr viel entstehen – genau das macht eine lebendige Stadt aus.»

Die Stadt steht unter finanziellem Druck. Wo würden Sie klare Prioritäten setzen?
«Bei den zentralen Aufgaben: Infrastruktur, Bildung, Versorgungssicherheit und Stadtentwicklung. Gleichzeitig braucht es Disziplin bei neuen Ausgaben und den Mut, auch Bestehendes kritisch zu hinterfragen, ohne parteipolitische Scheuklappen. Sparen ja – aber mit Augenmass und ohne eine nachhaltige Entwicklung unserer Stadt zu gefährden.»

Was bedeutet für Sie persönlich eine verantwortungsvolle Finanzpolitik auf Stadtebene?
«Ich bin es gewohnt, sowohl privat als auch beruflich mit knappen Mitteln ein Maximum zu erreichen. Es müssen klare Prioritäten gesetzt werden. Jeder Franken muss dort eingesetzt werden, wo er langfristig die grösste Wirkung entfaltet. Dazu gehört auch, dass man in soziale Sicherheit, Klimaschutz und Bildung investiert. Gleichzeitig braucht es Transparenz und Verlässlichkeit gegenüber der Bevölkerung und den Partnern der Stadt.»

Sie sind stark im Kulturleben verankert. Welche Rolle spielt Kultur für die Entwicklung der Stadt Wil?
«Kultur ist ein Standortvorteil. Sie schafft Identität, bringt Menschen zusammen und macht eine Stadt lebenswert. Gerade für eine Stadt wie Wil ist ein starkes Gastronomie- und Kulturleben ein echter Mehrwert – gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich. Eine Stadt ohne Kultur ist eine tote Stadt.»

Wie kann die Stadt kulturelles und gesellschaftliches Engagement stärken, ohne zusätzliche finanzielle Belastung?
«Ich sehe Kultur und gesellschaftliches Engagement nicht als finanzielle Belastung, sondern als lohnende Investition. Grundsätzlich geht es aber darum, dass man gute Rahmenbedingungen schafft und Ressourcen effizient einsetzt. Klare Ansprechpartner, weniger Bürokratie, aktive Vernetzung und unkomplizierte Prozesse. Viele Menschen wollen etwas beitragen, man muss sie einfach ernst nehmen und machen lassen.»

Wo sehen Sie die Stadt Wil in zwei bis drei Jahren – realistisch betrachtet?
«Ich sehe eine Stadt, die Projekte gezielt voranbringt, finanziell stabiler unterwegs ist und als lebendiger Ort wahrgenommen wird. Keine Wunder, aber spürbare Fortschritte – Schritt für Schritt, dafür konsequent vorwärts. Der neue Bahnhofplatz ist im Entstehen, der Gare de Lion frisch saniert und unsere Kinder freuen sich auf ein neues Schulhaus anstelle von Provisorien.» 

Woran würden Sie Ihren persönlichen Erfolg im Amt messen?
«Daran, ob unsere Stadt als Ganzes profitiert. Und daran, ob es gelingt, die Menschen unserer Stadt miteinzubeziehen und Vertrauen zu schaffen. Am Ende zählt nicht, was man ankündigt – sondern was man umsetzt.»

Quelle: Wil24.ch, 27.4.2026, Jürg Grau

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