Wil sei ein «Biotop für grosse Karrieren» schrieb der Blick einmal über die Äbtestadt. Erstaunliche viele politische Laufbahnen haben in ihr begonnen. Die Abgeordneten tragen den Namen der Stadt ins Land hinaus, bringen sie ihr auch weitere Vorteile?
Wil sei ein als Stadt getarntes Dorf, schrieb das Tagblatt einmal spöttisch. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Frauen und Männer aus diesem äbtestadtischen «Dorf» auf Kantons- und auf Bundesebene politisieren. Mit Karin Keller-Sutter (FDP), Barbara Gysi (SP) und Lukas Reimann (SVP) machen gleich drei Wilerinnen und Wiler auf dem nationalen Parkett ihren Einfluss geltend.
Alle gehören keineswegs zu den Hinterbänklern mit provinziellem Stallgeruch. Barbara Gysi ist seit 2012 Vizepräsidentin der SP Schweiz, Lukas Reimann seinerseits präsidiert die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS). Nationale Bekanntheit erreichte er unter anderem auch als Mitbegründer des Initiativkomitees gegen den Bau von Minaretten.
Vertreterin der Ärzteschaft
Im Weiteren kandidierte Barbara Gysi 2018 als Nachfolgerin von Paul Rechsteiner für das Amt der Präsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Sie leitet zudem den Personalverband des Bundes. Ihre Exekutiverfahrung sammelte sie ursprünglich als Wiler Stadträtin.
Grüne-Politikerin Yvonne Gilli arbeitete sich via Stadtparlament, Kantonsrat und Nationalrat Stufe um Stufe hoch; seit Februar geht sie als FMH-Präsidentin und damit oberste Ärztin im Land im Bundehaus ein und aus.
Im Kantonsrat vielseitig vertreten
Nicht nur auf nationaler Ebene sind die Wilerinnen und Wiler präsent, anlässlich der letzten Wahlen hat sich auch die vielfältige politische Vertretung der Äbtestadt im Kantonsrat bestätigt, gleich achtfach ist Wil in der Pfalz vertreten: Jigme Shitsetsang und Andreas Widmer (FDP), Ursula Egli und Erwin Böhi (SVP), Guido Wick und Mike Sarbach (Grüne), Sepp Sennhauser (CVP) sowie Dario Sulzer (SP).
Zudem: Drei Kantonsrätinnen und –räte sitzen zugleich auch im Wiler Stadtrat. Und zwei kantonale Regierungsmitglieder haben ihren Wohnsitz ebenfalls in Wil: Susanne Hartmann (CVP) sowie Stefan Kölliker (SVP).
Erste Parlamentserfahrung
Keine Stadt vergleichbarerer Grösse dürfte kantonal und national so breitgefächertes politisches Personal stellen wie Wil. Was sorgt für einen derart fruchtbaren Nährboden für die Karrieren? Die Gründe dafür sind vielfältig; und auch der Zufall spielt mit. Schon vor der Einführung des Stadtparlaments im Jahr 1985 galt Wil als «ein lebendiges politisches Pflaster», so zumindest bezeichnete es die FDP-Bundesrätin Keller-Sutter gegenüber der NZZ.
Keller-Sutter, Gysi, Gilli und Hartmann lernten die politische Praxis anfänglich im Wiler Stadtparlament kennen. Gilli und Gysi bezeichneten diese parlamentarische Erfahrungsphase in Interviews als eine ihrer Karriere förderliche Zeit.
Einfluss auf die Gemeinde
Apropos Stadtparlament: Guido Wick, Mike Sarbach und Erwin Böhi politisieren zugleich in der städtischen wie in der kantonalen Legislative. Hat die Stadt davon einen direkten praktischen Nutzen? Mike Sarbach bejaht die Frage: «Im Kantonsrat werden etliche Geschäfte behandelt, welche indirekt und oftmals auch ganz direkt Einfluss auf die Gemeinden und die politischen Geschäfte auf Kommunalebene haben.» Für die Arbeit im Stadtparlament sei es ein Vorteil, wenn man nahe an der kantonalen Politik sei und dieses Wissen einbringen kann, meint der Politikwissenschaftler.
«Umgekehrt können Erfahrungen aus der Gemeinde direkt in die Debatte und vor allem in die Kommissionsarbeit auf kantonaler Ebene eingebracht werden», so Sarbach. Die politische Arbeit in beiden Ämtern profitiere auch vom erweiterten persönlichen Netzwerk, ist er überzeugt. Im Kantonsrat sei man beispielsweise oft in direktem Austausch mit Entscheidungsträgern aus anderen Gemeinden.
Direkte Auswirkungen auf die Stadt
Auch Erwin Böhi erkennt positive Aspekte: «Ein grosser Vorteil ist die Möglichkeit zur engen Vernetzung mit der Kantonsregierung und der Verwaltung. Das erleichtert die Arbeit im Stadtparlament, denn die Vernetzung ist eine Art von politischer Horizonterweiterung.» Er ergänzt: «Als Stadtparlamentarier beurteilt man vielleicht gewisse Abläufe oder Haltungen in der städtischen Politik anders, allenfalls kritischer, wenn man auch die Verfahren und Gewohnheiten im Kanton als relativ grosser politischer Betrieb kennt.»
Für Böhi spielt die Vernetzung auch eine wichtige Rolle für die Gemeinde-Exekutiven, diese haben im Kantonsrat eine einflussreiche Vertretung. «Allein aus Wil sind drei von fünf Mitgliedern des Stadtrats im Kantonsrat. Dies ist kein Zufall, denn die Beschlüsse des Kantonsrats haben in der Regel direkte Auswirkungen auf die Gemeinden und deshalb versuchen sie, die Gemeindeinteressen im Kantonsparlament direkt wahrzunehmen.»
Hallowil.ch, Adrian Zeller, 22.2.2021
